Zwischen Tatendrang und Erschöpfung

IMAG0966Bis zur letzten Minute sind die Männer voller Tatendrang, obwohl ihnen die Erschöpfung anzusehen ist. Gestern Morgen haben Technisches Hilfswerk (THW) und Feuerwehr Lampertheim ihren Einsatz an der Viernheimer Notunterkunft für Flüchtlinge beendet. Sie wurden anschließend von den Viernheimer Johannitern abgelöst. Neun Tage lang hatten sie dort im Schichtbetrieb rund um die Uhr mit ihrem Einsatzleitwagen gearbeitet, der als Kommunikationszentrale diente.

“Das ist ganz schön an die Substanz gegangen”, sagt Lampertheims Stadtbrandinspektor Klaus Reiber und lächelt. “Trotzdem konnten wir hier viel bewegen.” Den Kontakt zur zentralen Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen und zum Führungsstab im Wiesbadener Innenministerium halten, war die eigentliche und zugleich auch die einfachste Aufgabe der Lampertheimer Helfer. Zu melden, wie viele Hilfesuchende in der Viernheimer Unterkunft ankommen und sie wieder verlassen, wie groß die Aufnahmekapazität noch ist. Mit ihrem Einsatzleitwagen als mobile Verwaltungszentrale am Eingang des Lagers arbeiten. Funkgeräte für Notfälle bereithalten: “Das alles haben wir gelernt, darauf sind wir vorbereitet”, erklärt Reiber.

Neuankömmlinge in der Nacht

Was den Männern viel mehr zu schaffen macht, ist das Leid der Flüchtlinge. Mitunter kommen abends und in der Nacht noch Menschen mit Bussen an, die etwa vom Mannheimer Bahnhof nach Viernheim gebracht werden. Darunter viele Familien mit Kindern – hungrig, zum Teil ausgekühlt.

“Wenn wir Meldung bekommen, dass zu später Stunde noch Neuankömmlinge zu erwarten sind, können wir eine Zusatztruppe von 60 Mann aus dem gesamten Kreisgebiet zusammenrufen”, erläutert Kreisbrandinspektor Wolfgang Müller. Ihre Einsatzzeit: 22 bis 3 Uhr nachts.

Schließlich müssen die frisch Angekommenen registriert werden, sie durchlaufen eine medizinische Erstuntersuchung, erhalten Bettzeug und Hygiene-Artikel, bekommen ihren Schlafplatz zugewiesen. “Da packt jeder an, wo er gerade gebraucht wird”, lobt der Kreisbrandinspektor. Feuerwehr, Hilfsorganisationen und die Bundeswehr arbeiten Hand in Hand.

Gerade die Kleinsten unter den Flüchtlingen stellen die Helfer oft vor Herausforderungen: “Heute Morgen hatten wir plötzlich keine Windeln mehr”, erzählt Feuerwehrmann Thomas Kritsch. Babynahrung, Pampers oder Fläschchen besorgen, dafür sind die Männer inzwischen auch Experten.

Auf eigene Faust gegangen

Und dann kommen die Tiefschläge: Der Lampertheimer Einsatzhelfer Andreas Rosenberg – ein Mann, der bei der Feuerwehr sicherlich schon viel gesehen hat – verliert fast die Fassung, als er von einer Frau erzählt, die mit ihren drei kleinen Kindern die Viernheimer Unterkunft auf eigene Faust wieder verlassen wollte, um Angehörige zu suchen. “Ich habe vier Stunden lang auf sie eingeredet, versucht zu erklären, dass sie hier doch in Sicherheit ist”, sagt Rosenberg mit belegter Stimme und versucht Tränen zurückzuhalten. Das Problem: Sobald Flüchtlinge die Unterkunft verlassen, in der sie registriert sind, sind sie illegal in Deutschland unterwegs. Und das bedeutet etwa negative Bewertungen bei den Asylverfahren.

Doch der Lampertheimer Helfer musste die Frau ziehen lassen. Schließlich ist niemand in dem Viernheimer Lager gefangen. Auch eine Schwangere im siebten Monat verschwand einfach aus der Unterkunft. Ihr Verbleib: ungewiss. “Um diese Menschen machen wir uns einfach wahnsinnige Sorgen”, meint auch der Kreisbrandinspektor.

Die Lampertheimer haben in den vergangenen Tagen auch großartige Momente erlebt. Einen Familienvater, der seine Frau und seine Kinder in der Viernheimer Flüchtlingsunterkunft wieder in die Arme schließen konnte, nachdem sie auf der Flucht getrennt worden waren. Oder Brüder, die zusammenfanden: “Auch das nehmen wir von diesem Einsatz mit”, sagt Klaus Reiber.

Mit Zufriedenheit können die Lampertheimer ihren Dienst in Viernheim beenden. Eine leerstehende Lagerhalle wurde zur Bleibe für inzwischen rund 200 Menschen, für 150 gibt es noch Plätze. Und eine weitere Halle steht zusätzlich bereit. Gerade hat das THW ein Gerüst für Stromleitungen über die Straße gebaut. “Damit wir es in der Halle wärmer machen können”, so Kreisbrandinspektor Wolfgang Müller.

Für die 70 Mädchen und Jungen, die sich in der Einrichtung aufhalten, gibt es einen kleinen Kindergarten in der Halle – mit Spielzeug, das gespendet wurde. “Es ist unglaublich, die Hilfsbereitschaft reißt hier nicht ab”, so Müller. “Bürger aus der ganzen Region haben Bettchen für die Kleinen, Laufställe und Kinderwagen vorbeigebracht. Zudem die große Kleiderspendenaktion der katholischen Gemeinde St. Hildegard-St. Michael in Viernheim.”

Die Lampertheimer Helfer packen langsam zusammen. Jetzt müssen die Feuerwehrleute und THW-Helfer wieder Kraft tanken, sich ausruhen. Zuhause warten Familien, die die Männer in den vergangenen neun Tagen nur wenig gesehen haben. Arbeitgeber warten ebenfalls auf sie. Vieles hat sich aufgestaut, muss erledigt werden.

“Wir sind dankbar, dass das Umfeld der Einsatzkräfte so mitspielt”, betont Wolfgang Müller und sieht gleichzeitig eine weitere ganz große Leistung der Lampertheimer Freiwilligen: “Sie waren nicht nur hier vor Ort, wenn Sie Schicht hatten, sondern haben auch Ihren alltäglichen Dienst bei Feuerwehr und Technischem Hilfswerk versehen – beispielsweise bei Unfällen oder Bränden.” Die Männer freuen sich über die anerkennenden Worte. Und trotz der Müdigkeit ist er auf einmal wieder in ihren Augen zu sehen: der scheinbar unendliche Tatendrang und die Einsatzbereitschaft für ihre Mitmenschen.

© Südhessen Morgen, Donnerstag, 29.10.2015

Bilder: Feuerwehr Lampertheim

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