Feuerwehr ist immer Teamarbeit

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Die Lampertheimer Brandschützer sind momentan im Dauereinsatz: Noch nie gab es so viele Einsätze wie im Juli. Im Interview spricht Rainer Jakob über Stress und Wertschätzung.

LAMPERTHEIM – Die Freiwilligen der Lampertheimer Feuerwehr waren zuletzt im Dauerstress: Noch nie gab es so viele Alarme wie im vergangenen Monat. Einer der erfahrensten ist Rainer Jakob. Im Gespräch erklärt er, welche Ereignisse für die Kameraden besonders belastend sind, wie sich ein Anzug bei Hitze anfühlt und warum ein „Danke“ aus der Bevölkerung gut tut.

Flächenbrände, Evakuierungen, Unfälle: Herr Jakob, hatten Sie und Ihre Kameraden im Monat Juli überhaupt Gelegenheit, einmal durchzuatmen?

Ja, die Ruhephasen hatten wir schon. Statistisch gesehen waren wir alle 14 Stunden im Einsatz. Allerdings kam es auch zu Häufungen, also mehrere Einsätze zur gleichen Zeit, wie etwa am 5. Juli am Lampertheimer Bahnhof, wo zunächst der Verdacht des Gefahrenstoffaustritts bestand. Hinzu kam dann noch ein Kellerbrand. In solchen Situationen sind wir an der Grenze der Belastbarkeit. Wir hatten im Juli 53 Alarme. Zum Vergleich: Die Durchschnitts-Einsatzzahl für einen Monat beträgt sonst 21.

Sie selbst sprachen kürzlich von einer „Explosion der Einsatzzahlen“. Wie viele Frauen und Männer sind bei Ihnen eigentlich in Einsatzbereitschaft, um bei einem Vorfall sofort helfen zu können?

So betrachtet sind alle Leute permanent bereit. Aber es gibt Staffelungen, die sich an den Alarmstichworten orientieren. Bei einem Pkw-Brand werden weniger Kameraden alarmiert als beispielsweise bei einem Industriebrand. Darüber hinaus gibt es einen monatlichen Wechsel: Die eine Hälfte der Mannschaft hat in einem geraden, die andere in einem ungeraden Monat Dienst. Kommt es aber wirklich zu einem Großalarm, werden alle alarmiert. Das heißt aber nicht, dass dann auch wirklich alle im Einsatz sind. Nochmal zurück zum Pkw-Brand: Hier werden 20 Kameraden alarmiert, aber in der Regel benötige ich neun bis zwölf Mann, um den Einsatz abzuarbeiten.

Welcher Vorfall hat Sie zuletzt am meisten belastet?
Psychisch ganz klar der Unfall auf der B 44 zwischen Mannheim und Lampertheim mit zwei Toten. Hier ist es wichtig, dass wir uns im Anschluss untereinander in einer Nachbereitung austauschen. Die findet häufig an den Übungsabenden am Donnerstag statt. Wir sprechen auch die einzelnen Einsatzkräfte an und gehen das Szenario durch. Zudem gibt es auch das Angebot der Notfallseelsorge des Kreises. Die waren nach dem tödlichen Unfall auch bei uns. Die Tür für ein Gespräch steht immer offen.

Und organisatorisch?
Organisatorisch war der Einsatz am Bahnhof am schwierigsten. Da mussten wir uns zunächst erkundigen: Um welchen Gefahrenstoff handelt es sich möglicherweise, welche Löschmittel darf ich einsetzen, ist eine Evakuierung notwendig? Dies nennt man „Ordnung des Raumes“, wofür Lesearbeit erforderlich ist. Dazu haben wir vier bis fünf Ordner dabei – auch digital. Und dann gab es zeitgleich den „Kellerbrand mit Menschenrettung“. Für dieses Szenario gibt es externe Kräfte aus den Stadtteilen oder dem Kreis Bergstraße. So etwas üben wir immer und immer wieder.

Welche Hilfsmittel haben Sie dafür?
Es gibt Planspiele. Wir haben selbst ein Modell einer Stadt auf einem zusammenklappbaren Tisch erbaut, wo wir verschiedene Situationen durchgehen können.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Einsatz?
Ja, das war als Feuerwehrmann in der Einsatzabteilung – ein Verkehrsunfall mit einem US-Lkw. Drei Tote – damit muss man erst einmal zurechtkommen.

Neben den psychologischen Strapazen sind auch die körperlichen Anforderungen extrem hoch. Wie ist das bei 40 Grad überhaupt auszuhalten?

Gehen Sie mal bekleidet in eine Sauna und nehmen Sie sich noch eine Hantel dazu mit – so ungefähr fühlen sich die Feuerwehrleute bei diesen Temperaturen. Aber auch dafür haben wir vorgesorgt: Wasser in den Einsatzfahrzeugen – nicht zu vergessen der Rettungsdienst.
Dürre, starke Hitze und Wetterschwankungen dürften langfristig zu höheren Einsatzzahlen führen. Ist also der Klimawandel bei der Feuerwehr angekommen?

Nein, das kann ich so nicht sagen. Im vergangenen Jahr hatten wir in der extremen Dürrephase praktisch keinen Einsatz wegen eines Flächenbrandes. Wir müssen auch festhalten: Ja, die Einsatzzahlen im Juli hatten einen Höchststand – aber dieser Peak hat sich in dieser Form nicht abgezeichnet.

Während andernorts Hilfskräfte angepöbelt und attackiert werden, entgegnen die Bürger Ihren Kameradinnen und Kameraden höchste Wertschätzung. Tut das gut?

In jedem Fall. Und das gibt uns Antrieb für die weitere Arbeit. Beim Tag der Offenen Tür kommen Menschen aus nah und fern zu uns. Was die Angriffe, von denen Sie sprechen, angeht: Das kommt bei uns höchst selten vor. Bei einem Brand hatte ich selbst eine kurze Rangelei mit einem Hausbesitzer, der trotz Feuer nochmal kurz zurück ins Haus wollte. Und bei dem Kellerbrand hatte ein Kamerad zwei Schläge gegen die Brust bekommen. Aber bedenken Sie: Wir haben über 300 Einsätze im Jahr. Es gibt also keine generellen Anfeindungen, ganz im Gegenteil: Für unsere Einsätze bekommen wir – hin und wieder – eine Dankeskarte. Und: In der Nachwuchsarbeit sind wir gut aufgestellt.

Das Interview führte André Heuwinkel.

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